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22.07.2018

Über die Wirkung christlicher Symbolik in der abendländischen Musik

Das christlich-diatonische Tonsystem unterscheidet sich vom Akustischen her in keiner Weise von den Überlieferungen der als heidnisch bezeichneten Griechen, sehr wohl aber in der Form seiner Interpretation, Deutung und Benennung. Welchen Einfluss das auf die Wahrnehmung hat, lässt sich gerade anhand dieses Beispiels verdeutlichen:

Dass der immaterielle Ton als solcher von Gott kommen soll und eine Verbindung zu im schafft, ist im Monotheismus mit einer nicht überhöhbaren Wertschätzung verbunden. Der Sinnspruch: MUSICA DONUM DEI ist auf zahlreichen Orgeln zu finden. Diese Vorstellung wird im Christentum konkretisiert durch die Verbindung der Prim (Konsonanz) mit dem Alpha – und der Oktav (ebenfalls Konsonanz) mit dem Omega und den 8 Seligkeiten der Bergpredigt. In den 7 Stufen auf dem Wege zu Gott sind die 7 Gaben des Hl. Geistes geradezu „wiedererkennbar“. Damit ist das diatonische Material lückenlos mit theologischer Interpretation gefüllt: Ut, Re, Mi, Fa, So, La und Si, die Anfangssilben des Johannes-Hymnus, verweisen wie zu seiner Zeit Johannes der Täufer auf das Kommen Christi.

Was immer nun erklingt, klingt genauso wie zuvor. Beeinflusst wurde allerdings die psychische Prädisposition des Hörers, die einen grossen Teil der Erlebnisqualität und -intensität ausmacht. Bereits der einzelne Ton ist mit diesem Bedeutungsgehalt versehen und kann problemlos mit der zarten Berührung durch einen Engel verglichen werden. Dieselbe Berührung durch eine Stubenfliege würde als lästige Störung empfunden. Allein der Vergleich wirkt abstossend und geradezu blasphemisch, was sich jedoch sofort ändert, wenn wir in der Fliege einen Teil der Schöpfung erkennen. Auch sie muss Gott einst nahe gewesen sein. Zumindest wird der Reflex des Totschlagens fürs Erste unterbunden. Was Prädisposition doch bewirken kann: auf der einen Seite das unvorstellbare Glück, welches es unmöglich macht, einen Engel zu umarmen - Rainer Maria Rilke hat dies in seiner ersten Duineser Elegie eindrucksvoll beschrieben - auf der anderen Seite die mitleidlose Vernichtung von Ungeziefer, und beiden Annährungen lag nur eine leichte Berührung zugrunde. Demnach kommt es darauf an, wie wir berührt werden.

Kompositionen enthalten Spannungen: Dissonanzen und Konsonanzen, erzeugt durch weitere und engere Tonabstände. In psychischer Betrachtung sorgt die Konsonanz für das Happy End der allermeisten musikalischen Erzählungen, denn sie ist Inbegriff der Ruhe, des Friedens und der Übereinstimmung.

Finden sich weitere symbolische Bezüge, gibt es etwas zu entdecken: geistigen Reichtum. Dabei ist es ein Mehrwert, insbesondere im Bereich der sakralen Kunst, auch nach längerer Suche noch etwas im Werk Schlummerndes erahnen zu können. Die völlige Aufdeckung wirkt stets – wie auch andernorts – enttäuschend, denn dann hat man alles gesehen und es gibt keine Geheimnisse mehr. Damit erstirbt die Hoffnung auf weitere Schätze, die von einem für Unendlichkeit zuständigen Wesen schliesslich erwartet werden können. Das Paradies ist nur in allerkleinsten Ausschnitten erfahrbar, unser Bedürfnis nach Bereicherung dem gegenüber unersättlich.

Die Perfektion der sakralen Komposition liegt demnach in der Evokation von Sehnsüchten und deren Nichterfüllung. Es ist glaubwürdiger, Gott nahe gewesen zu sein als ihn mit nach Hause nehmen zu können.

Zur Prädisposition gehört noch etwas: das Leid und die Erfahrung der Endlichkeit eigener Existenz. So hört sich ein Musikstück anders an, wenn es das voraussichtlich letzte Mal sein wird, als wenn es in 3 Jahrzehnten noch einmal wahrgenommen werden kann. Erleben hat Leben zur Voraussetzung. Lautstarke Effekthascherei erweist sich in solchem Moment als purer Ballast. Die Mitfühlung erkennt die Wahrheit auch im zurückgezogen-Introvertierten, toleriert Fehler und erkennt sich selbst in ihnen. Leid und Tod machen plötzlich dankbar für das Wenige, was man hat.

Die höchste Anerkennung, die der Musik zuteilwerden kann, erfolgt demnach mithilfe verstärkter Glücks- und Leidensfähigkeit sowie mit einer differenzierten und geschulten Sinneswahrnehmung, der nicht das Kleinste entgeht und die mitgebracht werden muss, noch bevor das Musikstück begonnen hat. Dann steht der Verstand staunend vor dem Geheimnis des Lebens - und findet in der Symbolik einen nachdenklich stimmenden- und vielleicht tröstenden Hinweis.