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28.10.2015

Interdisziplinäre Zusammenarbeit:

Geheimcode der Musik entschlüsselt

 

 

 

 

 

 

 

Der nachfolgende Artikel wurde vom Consiglio Docenti del Master in Architettura, arti Sacre e Liturgia der Università Europea di Roma angenommen und zur Publikation freigegeben. Er soll erscheinen im giornale des CENTRO UNIVERSITARIO EUROPEO PER I BENI CULTURALI. Der Publikationstermin wird in Kürze bekannt gegeben. Ich habe Anlass, Prof. Angelo Molfetta von der Università Pontificia Europea Regina Apostolorum in Rom für seine freundliche Unterstützung herzlich zu danken. Die Online-Präsentation seiner Arbeit, in der er denselben wissenschaftlichen Ansatz vertritt, findet sich auf:   http://www.sessaurunca3dproject.com Es ist eine Besonderheit, dass die Schrittfolge der Kirchentonart tetrardus plagalis, welche zum Lobe Gottes bestimmt war, im Bauplan der Basilika von Sessa Aurunca nachgewiesen werden konnte. Von der Liturgie ausgehend, wirkt die christliche Symbolik weit in die abendländischen Künste hinein. 

Geheimcode der Musik entschlüsselt                                         Aurelius Belz

So oder ähnlich machen unterhaltsame Stories auf sich aufmerksam, die von allem etwas nehmen, von Wissenschaft und Leidenschaft, von Geheimbünden, Rätseln, verborgenen Schätzen, grausamen Schicksalen und ausserirdischer Einflussnahme. Dass es der Science-Fiction nicht bedarf, um all dies zu vereinen, zeigt meine Studie, die sich mit der Entwicklung der Tasteninstrumente befasst - von der antiken Wasserorgel zum Keyboard des Computers. Das Besondere an ihr ist die Vorgehensweise, die von der Beschränkung auf ein einzelnes Fachgebiet nichts wissen will, sondern schlicht jedes geistige Werkzeug verwendet, das der Forschungsgegenstand abverlangt. Als Cembalobauer habe ich dieses Vorgehen aus dem Handwerk übernommen.

Anhand der ältesten Konstruktionszeichnung eines besaiteten Tasteninstruments, angefertigt von Henry Arnaut de Zwolle, verwahrt in der Bibliothèque nationale de France in Paris, wurde diese Vorgehensweise sogleich einer Bewährungsprobe unterzogen, denn obschon von zahlreichen Wissenschaftlern zuvor untersucht, betrachtete ich die Zeichnung mit den Augen eines Kunsthistorikers und entdeckte in der Gestalt und Anlage der Resonanzbodenrosetten eine abstrakte Darstellung der Trinität. Mit wenigen Bildvergleichen liess sich dies belegen. Doch damit nicht genug. Arnaut geht wie ein mittelalterlicher Dombaumeister vor und arbeitet mit der Verwendung eines Moduls und dessen ganzzahligen Vielfachen, wodurch symbolische Bezugnahmen möglich werden. Das Vorhandensein der Rosetten lieferte bereits den Hinweis auf die Heilige Schrift, und allein das Aneinanderreihen der gefundenen Zahlen liess weitere Zusammenhänge offenbar werden. So begegnen uns: die 13-1 (Teilnehmer des letzten Abendmahls minus Judas), die 8 (Seligkeiten der Bergpredigt), die 6 (Gaben des Heiligen Geistes), die 5 (Wunden), die 4 (Evangelisten), die 3 (Trinität) sowie die 1 als Ursprung aller Dinge.

Nun zeigt das Instrument Arnauts bereits jene Klaviatur, die wir heute kennen. Wer den Quintenzirkel in der musikalischen Praxis – beispielsweise beim Stimmen - verwendet, kennt einige dieser Zahlen aus der Harmonielehre und nun ging es darum, das abendländische Tonsystem auf seinen symbolischen Bezug zur Heiligen Schrift zu überprüfen. Da sich Arnaut selbst mit keinem Wort dazu äussert und nachdem weitere Belege fehlen - andernfalls wäre die Symbolik der abendländischen Musik längst bekannt und würde als Teil der Allgemeinbildung an sämtlichen Schulen und Konservatorien unterrichtet - ging es nun darum, die im Raum stehende Frage entweder mit Ja oder mit Nein zu beantworten. Diese Aufgabe habe ich von mehreren Seiten in Angriff genommen.

Zunächst einmal verrät ein Streifzug durch die europäische Kulturgeschichte, an welchen Orten die christliche Symbolik sonst noch beobachtet werden kann. Und sie begegnet uns in derartiger Verdichtung, dass die Musik unmöglich eine Ausnahme gebildet haben kann. Alldem liegt ein klares theologisches Konzept - das katholische Weltbild - zugrunde.

Sodann werfen wir einen Blick auf die Entwicklung des abendländischen Tonsystems und teilen seine Betrachtung in die Zeit vor- und nach Arnaut ein. Der Weg führt von der Antike zu den Kirchentonarten, zum Kirchenvater Aurelius Augustinus und zu dessen Buch DE MUSICA LIBRI SEX, dem wichtige theologische Erkenntnisse über die Betrachtung der Sinneswahrnehmungen entnommen werden können.

Danach befassen wir uns mit der Entwicklung der musikalischen Temperaturen bis hin zur gleichschwebend temperierten Stimmung. Das Festhalten an einem System, der noch heute verwendeten Klaviatur, trotz bedingter musikalischer Brauchbarkeit - wohlverstanden aus der Betrachtungsperspektive des Mittelalters - belegt, dass es aussermusikalische Einflüsse gewesen sein müssen, die der Musik ihren Stempel aufgedrückt haben. Anlässlich eines Klavierkonzerts wird das musikalische Schisma offenbar, denn Klavier und Orchester agieren nach zweierlei Ordnungsprinzip - für den Moment eine erschreckende Erkenntnis hinsichtlich des Vorbildcharakters der Harmonielehre, dann aber ein Gleichnis für das synergetische Zusammenwirken verschiedener Auffassungen.

Die Unlogik der Harmonielehre – z.B. besteht die Oktav (8) aus 5 Ganzton- und 2 Halbtonschritten und zudem finden wir abenteuerliche Konstruktionen wir die „kleine und grosse Sekund“ - macht das Festhalten an einer sehr viel älteren Zählweise deutlich. Allein mit Hilfe theologischer Betrachtung sind die ursprünglichen Beweggründe rekonstruierbar.

In historischer Rückschau muss man sich über derartige Divergenzen nicht wundern, liegt doch alldem eine Zweckentfremdung zugrunde, denn die Instrumente dienten ursprünglich gar nicht der reinen Musikausübung, sondern der spirituellen Kontaktaufnahme mit Gott. Die Worte: MUSICA DONUM DEI, LAUDATE EUM IN CORDIS ET ORGANO oder: MUSICA PRAELUDIUM VITAE AETERNAE sprechen für sich, ebenso zahlreiche Bildquellen.

Belege hierfür finden sich in den ältesten Relikten besaiteter Tasteninstrumente, darunter ein italienisches Klavizitherium aus der Zeit um 1470 im Besitz des Royal College of Music in London. Es handelt sich um bewegende Zeugnisse jener persönlichen Zwiesprache, erkennbar an der Einbeziehung vollplastischer Krippenfiguren, an Beschriftungen und Bemalungen, an Symbolbezügen (z.B. ein Steg in Gestalt der Wurzel Jesse) oder am konkreten Verweis auf bestimmte Bibelverse.

Um den früheren Wahrnehmungsmodus erneut mit dem der Gegenwart zu verknüpfen, wählte ich für meine Studie den Titel: Sakrale Handys. Die Verwendung des Keyboards im Spätmittelalter.

Wie es zu einem solch kollektiven Gedächtnisverlust kommen konnte ist eine Frage, die sich unmittelbar aufdrängt. Das Mittelalter steht unserer Zeit fern durch die Kluft einer anderen Weltanschauung. Angesichts der Aussage Jesu: "Mein Reich ist nicht von dieser Welt" (Joh.18,36) wäre es nicht einmal blasphemisch, von der Erschaffung und Steuerung der Welt durch einen Ausserirdischen zu sprechen. Die historischen Zeugnisse liegen überall vor - nicht nur im Kathedralbau.

Die Französische Revolution markiert einen radikalen Wandel - hier kommen wir zurück auf die anfangs erwähnten grausamen Schicksale - und fortan sah man die Erleuchtung nicht in der spirituellen-, sondern in der rationalen Erkenntnis (siècle de la lumière).

Meine Studie verdeutlicht dem gegenüber, dass es, wie man es auch betrachtet, auf das Licht als solches ankommt und nicht, durch welches geistige Fenster es herein scheint. Sie leistet einen Beitrag für die Begegnung von Wissenschaft und Kirche sowie für den interdisziplinären und interkulturellen Dialog. Es gelang die Freilegung eines Grundsteins europäischer Identität, denn der Sternenkranz der europäischen Flagge lässt sich noch mit dem Tonsystem und der Notwendigkeit harmonischen Zusammenlebens in Verbindung bringen. Das ist der Schatz der Erkenntnis, geborgen aus historischer und gegenwärtig leidvollster Erfahrung. Das Spinett der Giulia Varano im Besitz des Metropolitan Museums in New York trägt den Schriftzug: «RICCHO SON D’ORO ET RICCHO SON DI SUONO, NON MI SONAR SI TU NON HA DEL BUONO» und bringt damit zum Ausdruck, dass es im Leben nicht auf Reichtum und Sinnesfreuden-, sondern allein auf das Gute im Menschen ankommt.