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06.05.2017

Ein Begriff am Abgrund:

Leitkultur

 

Niemand kann sich das kulturelle Umfeld aussuchen, in dem er heranwächst. Und selbst innerhalb ein- und desselben Kulturkreises gibt es erhebliche Unterschiede. Man denke nur an die Kluft zwischen Arm und Reich, an den unterschiedlichen Zugang zur Bildung und an die eingeschränkten Karrieremöglichkeiten. Aus Randgruppen entwickeln sich Parallelgesellschaften. Unzufriedenheit mit der gegebenen Situation führt zu Fluchtbewegungen sowie zur Radikalisierung, denn wie bei einem Gewitter tendieren die angestauten Energiemengen zur Entladung.

Das Anliegen, im Interesse eines funktionierenden Staates Regeln aufzustellen, ist allen Kulturen gemeinsam. So gesehen ist jede Kultur eine "Leitkultur". Allerdings bedarf es des betonenden Zusatzes nicht. Und das von Thomas de Maizière unlängst vorgeschlagene Synonym „Leitbild“ erweist sich insofern als ungeeignet, da es sich um eine selbst gesetzte Zielvorgabe handelt. Leitbilder, z.B. jene von Unternehmen, können problemlos an die jeweilige Situation angepasst werden. In Kulturen wächst man auf. Daher spricht man auch von Verwurzelung. Sie aufzugeben gleicht einer Selbstverleugnung, denn Kulturen sind identitätsstiftend.

Die moderne Gesellschaft erlaubt den Blick auf unterschiedliche Kulturen. Man kann sehen, wie andere Menschen leben und in welchem Umfeld sie heranwachsen. Das erlaubt Vergleiche. Dabei sind manche Aspekte einander verwandt wenn nicht gar deckungsgleich wie z.B. das Fahrradfahren, andere erweisen sich als andersartig und fremd, wieder andere als unvereinbar. Die grössten Divergenzen bestehen hinsichtlich der Freiheit des Einzelnen – des Mannes und der Frau – und damit in Bezug auf den Grad der Unterordnung bzw. Unterdrückung. Das Paradoxe daran: Wer Unterdrückung befürwortet, will selbst nicht erleben, was er anderen zumutet. Welche Frau hat sich je selbst beschnitten? Täter schätzen dieselbe Freiheit wie ihre Opfer – insofern sind beide gleicher Meinung – nur beanspruchen die einen für sich, was sie den anderen nehmen. Die Rechtfertigung erfolgt aus selbst erklärter Höherwertigkeit: "Hier gebe ich den Ton an“. Ein gefährliches Leitbild - oder sollte man nun besser Leitkultur sagen?

Darüber hinaus erlauben Kulturen das Selbstopfer. Für eine erkannte Wahrheit mit dem eigenen Leben einzustehen gilt als heldenhaft, doch wirft der historische Rückblick Fragen auf. Wie viele Soldaten sind aus eigener Überzeugung freiwillig in den Krieg gezogen? Wie viele wurden ideologisch aufgehetzt? Wie verhält sich die Selbstverbrennung eines tibetischen Mönches gegenüber einem Selbstmordattentat? Mit der energetischen Entladung stehen wir in jedem Falle vor einer vollendeten Tatsache – stellen fest, dass weder die Täter noch die Opfer ihrer Identität entsprechend zu leben vermochten – und haben nur die Chance, durch Einsicht und kluges Verhalten derartige Katastrophen zu vermeiden.

Kann der Begriff Leitkultur hierfür hilfreich sein? Der Kontext, in den Thomas de Maizière den Begriff kürzlich stellte, macht wenig Hoffnung. Bringt sein Konglomerat aus 10 Geboten und den Verhaltensregeln eines Freiherrn Knigge – „wir geben uns die Hand“, „wir zeigen unser Gesicht“ – tatsächlich die Wende? Und wie verhält es sich mit der populistischen Tonlage? Unlängst verkündete die Bildzeitung „Wir sind Papst“ und nun lesen wir: „Wir sind nicht Burka“. Damit steht der Begriff Leitkultur am Abgrund der Demagogie, weil er unterschwellig ein Bessermenschentum lobpreist, an dem niemand teilhaben kann, der nicht gesinnungskonform mitmacht. Dergleichen kennt die Geschichte bereits zur Genüge.

Nachfolgend die Demagogie-Definition Martin Morlocks:

„Demagogie betreibt, wer bei günstiger Gelegenheit öffentlich für ein politisches Ziel wirbt, indem er der Masse schmeichelt, an ihre Gefühle, Instinkte und Vorurteile appelliert, ferner sich der Hetze und Lüge schuldig macht, Wahres übertrieben oder grob vereinfacht darstellt, die Sache, die er durchsetzen will, für die Sache aller Gutgesinnten ausgibt, und die Art und Weise, wie er sie durchsetzt oder durchzusetzen vorschlägt, als die einzig mögliche hinstellt.“

Gemeint ist demgegenüber ein zivilisatorischer Fortschritt, der alle Menschen einbezieht - eine harmonia mundi - sowie die Einladung, dieses übergeordnete Ziel in das eigene Weltbild zu integrieren. Feindesliebe ist nur durch Anwendung zu verteidigen, und selbst wer Gewaltanwendung bereits in Betracht zieht, hat noch die Möglichkeit, sich zur Umkehr zu entschliessen. Genau dafür, zur Deeskalation, sollte die Wiederbelebung der Diskussion um den Begriff Leitkultur einen Beitrag leisten.

Jüngste Studien zur abendländischen Harmonielehre zeigen, wie Theologen vor 1700 Jahren den Brückenschlag zum Andersdenkenden – sogar zum Feind – beschrieben haben. Als Oberbegriff wählten sie Weisheit. Daher müssen diese Einsichten nicht neu erfunden- und keine neuen Begriffe kreiert werden. Ihrer Substanz nach ist Weisheit kein Ergebnis langen Studierens. Sie ist in vielen Bildungsschichten und Kulturen global verbreitet und weitaus älter als das Christentum. Es gilt allein, sich ihre Bedeutung zu vergegenwärtigen und sie in der Praxis beispielhaft vorzuleben - durch wirtschaftlichen-, wissenschaftlichen- und kulturellen Austausch auf Augenhöhe und durch ein gegenseitiges voneinander Lernen.

Weisheit ist erkennbar am Grad der Integrationsfähigkeit - sowohl in die eigene- als auch in fremde Gesellschaften. Eine direkte finanzielle Entlohnung für erbrachte Leistungen auf diesem Gebiet findet nicht statt. Das macht sie wenig attraktiv, da sie unmittelbare existenzielle Probleme nicht löst. Sie hat sich mit der Einsicht zu begnügen, dass Wahrheitserkenntnis ein Wert an sich ist und dass ohne ihren Beitrag nur wenig rund liefe. Freiwilligenarbeit und zahlreiche Spenden, die in den Dienst einer guten Sache gestellt werden, liefern den Nachweis, dass diese Einsicht in vielen Bevölkerungsschichten vorhanden ist. 

Zur Weisheit gehört die Skepsis gegenüber jedwedem strategischen Vorgehen sowie gegenüber wirtschaftlichen-, militärischen- und politischen Alleingängen aller Art, mögen sie auch noch so erfolgreich erscheinen, denn sie interessiert sich stets auch für die Kehrseite der Medaille - dafür, auf wessen Rücken der Erfolg ausgetragen wurde. Geschönte Darlegungen sind nicht ihre Sache. 

Ein weiteres Erkennungsmerkmal ist die globale Synergieorientierung, d.h. sie begnügt sich nicht mit der Scheuklappensicht auf lokale- bzw. nationale Begebenheiten und klammert nichts aus - auch nicht den Naturschutz. Von eigenmächtigen Grenzziehungen hält sie nichts. Sie setzt das Leben auf dem Globus gleich mit dem Leben in einem geschlossenen System, in dem stets alles berücksichtigt werden muss. Aus diesem Grund ist die Harmonielehre ihr bestes didaktisches Erklärungsmodell, da sie es ermöglicht, im Kleinen zu erproben, was im Grossen Erfolg haben soll. Sollte es sich jedoch so verhalten, dass Mitfühlung, Empathie und Weisheit gar nicht erlernt werden können, werden synergieorientierte Menschen die Zeche mitbezahlen für jene Lebenserfahrung, die strategieorientierte Menschen machen - und der Begriff zivilisatorischer Fortschritt würde blanke Utopie bleiben.