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13.06.2018

Die wahre Geschichte der abendländischen Musik

Jedes archäologische oder kulturhistorische Fundstück vermag die bisherige Lehrmeinung zu bestätigen oder aber neue Perspektiven zu eröffnen, da es zu weiteren Fragestellungen Anlass gibt. Deshalb hat wissenschaftliches Arbeiten – vor allem im Bereich der Forschung – immer etwas mit Wandlungsbereitschaft zu tun, denn ohne sie hätte Forschung keinen Sinn.

Kürzlich führte ein solches Fundstück – eine Trinitätsdarstellung auf einem Tasteninstrument – zu der Frage, ob das abendländische Tonsystem eine christliche Prägung aufweist oder nicht, wobei dem Verfasser daran lag, die Frage gänzlich ergebnissoffen zu behandeln, denn es galt zu vermeiden, dass weltanschauliche Standpunkte das Ergebnis vorweg nehmen.

Aulus Gellius, der im 2. Jahrhundert nach Christus lebte, unterrichtet uns darüber, dass die Römer in musikalischen Dingen durchweg griechische Fachausdrücke verwendeten, da die lateinische Sprache keine Äquivalente für sie hätte. Daher erscheinen die einer Durchnummerierung entsprechenden Intervallbezeichnungen (Prim, Sekund, Terz ...) erst ab Censorinus, d.h. ab dem 3. Jhdt. nach Chr. und sogleich stellt sich die Frage, warum eine Übersetzung vorgenommen wurde, wenn die althergebrachte Methode über Jahrhunderte funktionierte, warum zu diesem Zeitpunkt und warum überhaupt.

Vor diesem Hintergrund genügt es, das von den Griechen verwendete Tonsystem mit dem nachchristlich-römischen zu vergleichen, um aus der Differenz Aufschluss über etwaige Änderungswünsche zu gewinnen und in der Tat sind eklatante Unterschiede festzustellen:

Obwohl Aristoxenos den Begriff Intervall als Abstand zwischen zwei ungleichen Tönen definierte, kommt es zu Einführung der Prim mit dem Abstand Null. Damit existieren ebenso viele Abstände wie Töne. Doch wozu brauchen Musiker zusätzliche Intervalle? Ihr Arbeitsmaterial sind doch Töne! Zur Veranschaulichung erweist es sich als sinnvoll, den Vergleich mit 8 parkenden Autos heranzuziehen: In einer Reihe nebeneinander geparkt ergeben sich 7 Abstände. Ein achter Zwischenraum tritt nur dann auf, wenn die Wagen in Kreisform geparkt werden. So gesehen liegt der Harmonielehre eine Sichtweise zugrunde, die mit einer Anordnung der Töne in Kreisform zu tun hat, und dies lange vor Einführung des Quintenzirkels!

Gleichzeitig wurde der Begriff „Diapason“ (wörtl: durch alle Töne) durch den Begriff „Oktav“ ersetzt, obwohl bereits Euklid festgestellt hatte, dass 6 Ganztonschritte ein klein wenig grösser sind als ein „Diapason“. 6 sind jedoch nicht grösser als 8! Auch die Unlogik, dass eine Oktav aus fünf Ganztonschritten und zwei Halbtonschritten besteht, obwohl 5 Ganze und zwei Halbe 6 ergeben – ist auf diesen „Übersetzungsmodus“ zurückzuführen.

Betrachten wir beides zusammen, die Prim und die Oktav, wird ein theologischer Sinn erkennbar, denn beide sind Inbegriffe der Konsonanz, wobei zu bemerken ist, dass die Prim eine eigenwillige Konstruktion darstellt, denn grundsätzlich ist alles, was man mit sich selbst vergleicht, miteinander identisch. Insofern ist die Konsonanz der Prim gar kein musikalisches Phänomen sondern ein theologisches Konstrukt, das fortan den Intervallen voran gestellt wurde.

Die Oktav hingegen verdankt ihren Namen zwei Bezügen zur Hl. Schrift: Da wäre zum einen die Heiligung des Tempels am ersten und am achten Tage (2 Chronik 29,17) – offenbar wurde das heidnische Tonmaterial zunächst einer Reinigung unterzogen – zudem ist der Bezug auf die 8 Seligkeiten der Bergpredigt unverkennbar. Die 1 und die 8 stehen nun in Verbindung mit der Konsonanz sowie mit dem A und dem Ω - und die Darstellung in Kreisform in Zusammenhang mit den Worten des Messias: „Ich bin der Anfang und das Ende.“ Handelte es sich tatsächlich lediglich um eine präzise Übersetzung der griechischen Ausdrücke in die lateinische Sprache, wären derartige Bezugnahmen nicht zu beobachten.

Alles Übrige ergibt sich als Folgeerscheinung. Intervallbezeichnungen wie: Kleine Sekund und Grosse Terz (wörtl: eine „kleine Zwei“ und eine „grosse Drei“) waren erforderlich, um die Zählung zur Oktav aufrecht zu erhalten, denn andernfalls wäre die symbolische Konstruktion in sich zusammen gebrochen.

Die zusätzlichen chromatischen Töne führten zu einer neuen theologischen Interpretation: Nun weist eine Oktav 13 Tasten auf, jedoch nur 12 Tonbezeichnungen in Analogie zum den 13 Teilnehmern beim letzten Abendmahl minus Judas, dem Verräter. Die fünf chromatischen Tasten stehen für die 5 Wunden, die 8 diatonischen unverändert für die 8 Seligkeiten und somit für Erlösung. In Kurzfassung berichtet die Klaviatur also von Verrat, Tod und Auferstehung.

Wie wir wissen, forderten Musiker weitere Töne innerhalb einer Oktav. Zur Entdeckung der gleichschwebend temperierten Stimmung konnte es nur kommen, weil man an der bestehenden Tastenteilung trotz eingeschränkter musikalischer Brauchbarkeit festhielt. Daher entwickelte sich ein über mehrere hundert Jahre andauernder Gelehrtenstreit um die angemessene Stimmung. Die klassische und romantische Klaviermusik wäre ohne das konservative Festhalten an der bestehenden Tastenteilung undenkbar.

Aus all dem ergibt sich, dass das abendländische Tonsystem entgegen bisheriger Lehrmeinung nicht als griechisch- sondern als christlich-römisch bezeichnet werden muss. Analogiebezüge zu anderen Disziplinen sind nicht zufällig sondern absichtsvoll implementierte Teile des katholischen-, d.h. allumfassenden Weltbildes. Diese Elemente waren über Jahrhunderte wichtige Bestandteile der europäischen Kultur und wurden mit grosser Macht durchgesetzt. Die Musikwissenschaft hat durch Ausklammerung des Kontextes diese wichtigen Zusammenhänge übersehen. Das Fundstück verändert somit fundamental das Selbstverständnis und die Identität dieser wissenschaftlichen Disziplin, wobei wir über den ethischen Gehalt der abendländischen Harmonielehre noch gar nicht gesprochen haben. In den 7 diatonischen Stufen auf dem Wege zu Gott – heute als Stammtöne bezeichnet – wurden die 7 Gaben des Hl. Geistes gesehen: Gottesfurcht, Frömmigkeit, Nächstenliebe, Tapferkeit, Barmherzigkeit, Feindesliebe und Weisheit. Die Musik ist demnach ein Gleichnis für die Harmonie unter den Menschen.

©2018 Aurelius Belz