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28.12.2018

Das Credo Johann Sebastian Bachs

Neue Erkenntnisse zur Kunst der Fuge

 

Die Musik Johann Sebastian Bachs ist so reichhaltig, dass sich Fachleute noch über Jahrzehnte mit ihr auseinandersetzen werden und auch weiterhin Gewinn davontragen. Dabei ist allgemein bekannt, dass die Kunst der Fuge ein unvollendetes Stück: Contrapunctus 14 enthält, welches unvermittelt abbricht. Einer der Bach-Söhne, Carl Philipp Emanuel, hat das letzte Blatt nachträglich mit dem Hinweis versehen: "Über dieser Fuge, wo der Name B.A.C.H. im Contrasubject angebracht worden, ist der Verfasser gestorben." 

 

J.S.Bach: Autograph von Contrapunctus 14 mit der handschriftlichen Anmerkung von Carl Philipp Emanuel Bach

Seitdem wird viel über die "musikalische Signatur" des Stückes gerätselt, sowie darüber, wie das Ende der Ausführung wohl gedacht war. Die Zusammenziehung verschiedener Quellen verschafft diesbezüglich nun Klarheit. 

Valerius Herbergers Buch über Jesus Sirach von 1739 brachte den Verfasser auf die Spur, da er schieb. „Wie der Name klingt, so soll auch das Leben seyn.“ – und bei Bach klingt der Name ja tatsächlich. Ferner übersetzt Herberger das Sprichwort „Esto quod audis“ mit den Worten „Wie man dich tituliert, so sollst du dich auch halten. Der blosse Name macht nichts aus, der Beweis gehöret auch dazu.“

Der zugehörige Kontext findet sich im Lukasevangelium 10,20, wo es heisst: „Freuet Euch, dass Eure Namen im Himmel angeschrieben sind“. Der Text war Gegenstand zahlreicher Kommentare – so auch in der Sterbe-Bibel des Friedrich Trescho – denn er spendet Trost insofern, als es die Rechtschaffenen durch ein tugendsames Leben verdienen, eines Tages namentlich aufgerufen zu werden, um an der Seligkeit Teil zu haben.

Davon hören wir auch in einem Kirchenlied Salomo Francks, den Johann Sebastian Bach persönlich kannte und der in der Weimarer Zeit zahlreiche Texte für dessen Kantaten lieferte. Hier nur die erste und letzte Strophe des Liedes "Ich bin im Himmel angeschrieben":

 

1 „Ich bin im Himmel angeschrieben,

ich bin ein Kind der Seligkeit.

Was kann die Sünde mich betrüben

und alles Leiden dieser Zeit?

Ich weiss, dass ich von Anbeginn,

in Christo auserwählet bin.“

 

5 „Kein Teufel soll den Trost mir rauben,

dass ich erwählt von Anbeginn,

dass ich aus Gnaden durch den Glauben

an Christi Blut erlöset bin.

So leb ich denn und sterbe drauf;

Auf Christum schliess ich meinen Lauf.“

 

Gesagt-getan: Kurz nach dem Hörbarwerden des Namens B-A-C-H bricht Contrapunctus 14 ab. Der Lauf der Töne in Bachs Leben wird abgeschlossen, als sei der Komponist am Ende seiner musikalischen Fährte angekommen. Von einer Signatur kann nicht die Rede sein. Was hätte diese auch für einen Sinn, da der Name des Komponisten üblicherweise schon auf der Titelseite steht? Grund für ein solches Vorgehen ist die hohe Wertschätzung der Musik als Geschenk Gottes: MUSICA DONUM DEI. Bei Gott im Himmel - nicht auf dem Notenblatt - steht sein Name angeschrieben, so Bachs fester Glaube. Kein Zweifel, dass er sich mit dem in Ich-Form verfassten Text zu identifizieren vermochte, der nunmehr in die lange Reihe der von ihm vertonten Arbeiten Salomo Francks übernommen werden kann, wenn auch die Art der Vertonung eine andere ist: Die Musik handelt nach dem Text, benötigt ihn jedoch nicht mehr und evoziert dennoch die angestrebten Affekte, wie es Lorenz Mizler im sechsten Teil seiner neu eröffneten Musikbibliothek 1739 beschrieb, wo er von "redenden Klängen" spricht, deren Botschaft empfunden würde, "auch wenn gar keine Worte dabey wären, bloss durch Zuthun der Instrumente." Handelte es sich um eine herkömmliche Vertonung, würde dem Hörer Gelegenheit gegeben, sich selbst mit der Ich-Form des Lied-Textes identifizieren zu können. So aber legt der Komponist sein persönliches Glaubensbekenntnis ab und schafft hierfür eine Privatsphäre, zu der nur Eingeweihte Zugang haben - und hätte der Sohn nicht posthum darauf verwiesen, dass in den Noten der Name gelesen werden kann, würde jeglicher Beleg dafür fehlen.     

Den kulturgeschichtlichen Hintergrund bildet die christliche Symbolik der abendländischen Harmonielehre seit dem 3. Jhdt., die zu Bachs Zeiten noch lebendiges Kulturgut war. Der von Lorenz Mizler gegründeten Correspondierenden Sozietät der musikalischen Wissenschaften, welcher Bach angehörte, war es ein besonderes Anliegen, "die Majestät der alten Musik" wiederherzustellen, die durch den Freigeist der Aufklärer in Gefahr zu geraten drohte. Aus diesem Grunde überreichte Bach der Sozietät die Kunst der Fuge als Jahresgabe. 

Wie erwähnt, vernehmen wir zwar von Carl Philipp Emanuel, dass der Vater über Contrapunctus 14 verstorben sei – und die unvollendet anmutende Arbeit scheint dies auch zu bestätigen – doch trägt das Ganze, wie der Würzburger Hochschulprofessor für Orgel und KMD Christoph Bossert wiederholt betonte, eher den Charakter einer kompositorischen Inszenierung, zumal Bach, wie wir nun sehen können, seinen Todeszeitpunkt recht präzise hätte vorher sehen müssen, um das Gesagte denn auch unmittelbar - und nicht nur rein musikalisch - wahr werden zu lassen.

Somit kann die Kunst der Fuge als zu Lebzeiten beendet gelten und schliesst mit diesem berührenden Credo, noch überhöht durch den Kommentar des Sohnes über den verstorbenen Vater - als habe Gott diesen erhört und aufgrund des Glaubensbekenntnisses unmittelbar zu sich befohlen. Es kann sich jedoch durchaus auch so verhalten, dass Carl Philipp Emanuel im Nachlass nur das unvollendet scheinende Blatt vorfand und daraus die nahe liegende Schlussfolgerung zog, dass sein Vater diese Arbeit nicht mehr zu vollenden vermochte. Weitere unvollendete Werke gab es keine. Dieses wurde vollendet.

© 2018 Aurelius Belz